EcoAustria

Wien, 21. Juli 2026 - Der Industriestandort Österreich verliert seit Jahren schleichend an Wettbewerbsfähigkeit. Die pharmazeutische Industrie zeigt sich davon vergleichsweise unbeeindruckt. Das ist das zentrale Ergebnis einer aktuellen Studie des Wirtschaftsforschungsinstituts EcoAustria im Auftrag des Fachverbands der Chemischen Industrie Österreichs (FCIO), des Forums der forschenden pharmazeutischen Industrie (FOPI), des Österreichischen Generikaverbands (OEGV) und des Verbands der pharmazeutischen Industrie Österreichs (PHARMIG). Die Ergebnisse fallen in eine Phase, in der die Bundesregierung mit der Industriestrategie 2035 einen Fahrplan vorgelegt hat, um Österreich wieder unter die zehn wettbewerbsfähigsten Industrieregionen der Welt zu führen. Life Sciences und Biotech werden darin ausdrücklich als eine von neun Schlüsseltechnologien genannt. 

Wir sehen den schleichenden Verlust an Wettbewerbsfähigkeit des österreichischen Standorts mit großer Sorge. Die Entwicklung der Pharmaindustrie zeigt aber, dass sich einzelne Branchen diesem Trend zumindest teilweise entziehen können“, so Wolfgang Schwarzbauer, Studienautor bei EcoAustria. „Ein Teil dieser Entwicklung ist der globalen Nachfrage und der Konzernstruktur der Branche geschuldet, ein Teil aber auch dem Umstand, dass die Branche in den vergangenen Jahren sowohl bei Forschung und Entwicklung als auch beim Ausbau von Produktionskapazitäten in Österreich zugelegt hat. Genau darauf zielt die Industriestrategie 2035 für den gesamten Standort ab.“

Konkret zeigt die Studie mehrere Faktoren auf, die für die Ziele der Industriestrategie 2035 relevant sein können. Nicht alle Erkenntnisse lassen sich dabei eins zu eins auf andere, weniger exportorientierte oder weniger konzentrierte Branchen übertragen.

Forschungsstandort profitiert überproportional
Rund 6,5 Prozent aller Forschungs- und Entwicklungsausgaben der österreichischen Unternehmen entfallen auf die Pharma- und Biotech-Branche. Damit investiert sie überdurchschnittlich stark in Forschung und Entwicklung, gemessen an ihrem Anteil von insgesamt 2,9 Prozent des BIP (direkt, indirekt und induziert). Die Branche trägt damit überproportional zur heimischen Forschungsleistung bei.

Österreich als Produktionsstandort
Auch als Fertigungsstandort ist Österreich für die Branche bedeutend, insbesondere im Bereich der Generikaproduktion, die zuletzt an wirtschaftlicher Bedeutung gewonnen hat und heute rund ein Fünftel der gesamten Wertschöpfung der Branche ausmacht. So belief sich 2019/20 die mit Generika verbundene Wertschöpfungswirkung auf 1,7 Mrd. Euro, während sich diese 2024 auf 2,5 Mrd. Euro beläuft.  

Produktivität und Verflechtung mit der Gesamtwirtschaft
Laut den Modellrechnungen der Studie sind Beschäftigte in der pharmazeutischen Industrie produktiver als im österreichischen Durchschnitt. Auf Basis dieser Berechnungen sichert ein Arbeitsplatz in der Branche rechnerisch bis zu 3,6 Arbeitsplätze in der Gesamtwirtschaft. Insgesamt hängen laut Studie rund 1,9 Prozent aller Erwerbstätigen direkt, indirekt oder induziert von der Branche ab. Die damit verbundene gesamtwirtschaftliche Wertschöpfung wird mit rund 2,9 Prozent des österreichischen BIP beziffert. 

Rekordüberschuss im Außenhandel
Auch außenwirtschaftlich hat sich die Rolle der Branche in den vergangenen Jahren verstärkt. Die Exporte pharmazeutischer Erzeugnisse beliefen sich 2024 auf rund 20 Milliarden Euro und machten damit knapp zehn Prozent aller österreichischen Warenexporte aus. Der Handelsbilanzüberschuss in diesem Bereich hat sich seit 2015 nominell mehr als verdreifacht, von 2,5 Milliarden Euro auf rund 8 Milliarden Euro im Jahr 2024. Grundlage dafür ist eine kräftig ausgeweitete Produktion, die zwischen 2015 und 2024 um 75 Prozent gewachsen ist, während die Warenproduktion insgesamt im selben Zeitraum lediglich um 15 Prozent zulegte. Getragen wird diese Entwicklung maßgeblich von Investitionen einzelner großer, international tätiger Unternehmen sowie von der starken globalen Nachfrage nach pharmazeutischen Produkten.

Politischer Handlungsbedarf
Aus Sicht von EcoAustria legt die Entwicklung der Branche nahe, dass verlässliche Rahmenbedingungen, etwa bei Forschungsförderung, Genehmigungsverfahren und Produktionsbedingungen, ein Faktor unter mehreren sind, der zur Wettbewerbsfähigkeit von Industriezweigen beitragen kann. Angesichts des schleichenden Wettbewerbsverlusts des Industriestandorts Österreich insgesamt spricht das dafür, solche Rahmenbedingungen für die Pharmabranche nicht zusätzlich zu verschlechtern.

Wer die Industriestrategie 2035 ernst nimmt, sollte auf verlässliche regulatorische Rahmenbedingungen, gezielte Forschungsanreize und wettbewerbsfähige Produktionsbedingungen setzen“, so Monika Köppl-Turyna, Direktorin von EcoAustria. „Die Pharmabranche zeigt, dass sich Forschungsintensität und industrielle Produktion auch am Standort Österreich verbinden lassen, wenn die Rahmenbedingungen passen. Das lässt sich nicht ohne Weiteres auf andere Branchen übertragen, zeigt aber, worauf es ankommt, wenn eine Branche ihr Potenzial nutzen soll: verlässliche und wettbewerbsfähige Rahmenbedingungen.