Eine große Gruppe von Konferenzteilnehmerinnen und -teilnehmern steht für ein gemeinsames Gruppenfoto vor einem modernen Gebäude mit geschwungener Glasfassade. Viele Personen tragen rote Schlüsselbänder mit Namensschildern.
Marcella Ruiz Cruz

Beim diesjährigen Treffen des Entrepreneurship Center Network an der WU Wien bekräftigte Staatssekretärin Zehetner ihre Pläne für einen Startup- und Scaleup-Fonds. Rund 80 Vertreterinnen und Vertreter der Hochschulen sprachen sich für eine stärkere Gründungsausbildung und standardisierte Verträge für Ausgründungen aus und diskutierten, wie die rechtlichen Rahmenbedingungen Unternehmertum künftig besser unterstützen können.

Wien, am 19. Oktober 2026 – An Österreichs Hochschulen ist Unternehmertum angekommen, auch wenn vieles noch stärker verankert werden muss. Das ist das Fazit des diesjährigen Treffens des Entrepreneurship Center Network (ECN) an der WU Wien. Zwei Tage lang erarbeiteten 80 Vertreterinnen und Vertreter von österreichischen Universitäten, Fachhochschulen und Gründungszentren Maßnahmen. Sie richten sich an die Politik, an die Hochschulleitungen und an die wissenschaftliche Gemeinschaft selbst.

530 betreute Gründungen im Jahr 2025

Die Gründungsbetreuung an Österreichs Hochschulen wächst. „Im Jahr 2025 haben die Hochschulen 530 akademische Startup- und Spin-off-Projekte betreut“, sagt Monique Fischer, Koordinationsleitung des ECN. Die Zahl stammt aus einer Befragung zur akademischen Gründungsbetreuung und umfasst 378 studentische Projekte und 152 aus der Forschung. Im Jahr 2024 waren es 457, das entspricht einem Plus von rund 16 Prozent.

Dem ECN gehören 36 Hochschulen in ganz Österreich an. „Unser Auftrag ist Unipreneurship“, so Fischer. „Gründungsgeist soll an jeder unserer Mitgliedshochschulen so selbstverständlich werden wie Lehre und Forschung.“

Zehetner: „Ihr seid zentral für die künftige Wirtschaft“           

Staatssekretärin Elisabeth Zehetner stellte den Hochschulen eine zentrale Rolle zu. „Wenn Österreich im Wettbewerb bestehen will, schafft es das nur über Innovation“, sagte sie. „Innovation bringt aber erst dann Wertschöpfung und Wohlstand, wenn sie in den Markt kommt.“ Die Hochschulstrategie nennt Ausgründungen und Gründungsausbildung ausdrücklich.

Die technischen Vorarbeiten für den Startup- und Scaleup-Fonds sind abgeschlossen und werden innerhalb der Koalition abgestimmt, sodass so schnell wie möglich mit der Suche nach einem Fondsmanagement begonnen werden kann. Zur Mobilisierung von mehr privatem Kapital für Startups und Spin-offs tritt die Staatssekretärin für einen Beteiligungsfreibetrag nach britischem Vorbild ein, dafür fehle in der Koalition aber derzeit leider eine Mehrheit. An die Gemeinschaft appellierte sie: „Jeder von euch findet drei weitere Menschen, die genauso für das Thema brennen. Dann wachsen wir exponentiell.“

Vom Orchideenfach zur Strategie

„Wir sind heute deutlich weiter als vor zwanzig Jahren“, betont Gerold Weisz (FH Oberösterreich). Unternehmertum muss aber weg vom Orchideenfach und in die oberste strategische Ausrichtung jeder Hochschule. Mehrere Arbeitsgruppen sprachen sich für eine stärkere, möglichst früh ansetzende Entrepreneurship-Ausbildung aus. Bernhard Weber (Universität Graz) will sie zusätzlich in die Laufbahn der Forschenden einbauen. Sara Matt (Universität Innsbruck) setzt schon bei Masterarbeiten und Doktoraten an und fordert mehr Mut von den Hochschulleitungen: „Wenn zehn Ausgründungen probiert werden, müssen drei bis fünf scheitern. Sonst ist von vornherein zu streng reguliert.“

Früh beginnen, über Fächergrenzen denken

Für Sara Matt ist die Zusammenarbeit der Disziplinen der entscheidende Erfolgsfaktor: Die Technikerin denkt früh gemeinsam mit dem Wirtschaftsabsolventen, die Soziologin sichert die Akzeptanz der neuen Technologie. Das Ziel ist nicht zwingend die eigene Gründung, auch der Einstieg in ein junges Unternehmen kann ein Berufsziel sein. In zehn Jahren sitzen laut Matt auch die Schulen am Tisch, denn die Haltung „Kein Risiko ist gut“ sitzt in Mitteleuropa tief.

Rudolf Dömötör (Wirtschaftsuniversität Wien) ordnet die Maßnahmen drei Ebenen zu: von der Politik über die Hochschulleitungen bis hin zur Transfer-Community selbst. „Vieles davon ist keine Raketenwissenschaft“, sagte er. Kooperation muss aber institutionell einfacher werden, damit sie nicht vom Einsatz Einzelner abhängt.

Standardisierte Verträge statt Einzelverhandlungen

Alle Arbeitsgruppen sprachen sich für einheitliche Regeln und Mustervertragswerke für Ausgründungen aus. Michaela Amstötter-Visotschnig (BOKU) verwies auf eine Wiener Initiative, die dafür internationale Vorlagen vergleicht. Das Ziel sind Bandbreiten statt identischer Verträge: „Keiner soll von der Angst getrieben sein, etwas falsch zu machen oder über den Tisch gezogen zu werden.“ Sie rechnet in zwei Jahren mit sichtbaren Fortschritten.

Rahmenbedingungen weiterentwickeln

Diskutiert wurde auch, wie der rechtliche Rahmen künftig noch besser unterstützen könnte. Die „dritte Mission“ der Hochschulen, so der Tenor, könnte deutlicher verankert und mit Leistungsvereinbarungen und Zielen des Ministeriums besser abgestimmt werden. Eine klare Grundlage könnte über Rektoratsperioden hinweg Orientierung geben. „Dann startet man nicht bei null, sondern bei 70 Prozent“, sagte Weber. Dazu gehörten eine Verankerung in der Strategie, eine Zuständigkeit im Vizerektorat und ein gesichertes Budget.

Auch bei Berufungen soll unternehmerisches Denken neben Publikationen zählen. „Ein guter Wissenschaftler darf ein guter Wissenschaftler bleiben“, so Amstötter-Visotschnig. „Er muss aber Multiplikator und Sprungbrett für Innovation sein.“

Kooperation über Bundesländergrenzen

Die Hochschulen sehen sich zudem in der Verantwortung für ihre Regionen. In Graz studieren, forschen oder arbeiten rund 80.000 der 350.000 Einwohnerinnen und Einwohner an Hochschulen. Gerade in der kriselnden Autozulieferindustrie schaffen Ausgründungen dort Alternativen. Über das ECN arbeiten die Hochschulen zunehmend über Bundesländergrenzen hinweg zusammen. Weber schlägt vor, Gründungsprogramme künftig entlang von Technologieachsen zu bündeln, etwa in der Halbleiterindustrie oder in der Quantenforschung.

Vorbilder in allen Größen

Als Vorbilder nannte die Runde große Verkäufe wie Tractive, eine Gründung aus der FH Oberösterreich. Ebenso wichtig sind beständige Betriebe wie die Wurmkiste, die Menschen mit Behinderungen beschäftigt und Lebensmittelabfälle sichtbar macht. „Es muss nicht immer in Richtung Einhorn gehen“, so Amstötter-Visotschnig. Dömötör will, dass jede Hochschule ihre erfolgreichen Gründerinnen und Gründer zum Teil ihrer Identität macht. An der WU sind das etwa die Gründer von Bitpanda und Waterdrop.

Über das ECN

Das Entrepreneurship Center Network (ECN) ist das hochschulübergreifende Netzwerk für Entrepreneurship in Österreich. Ihm gehören 36 Universitäten und Fachhochschulen in ganz Österreich an. Sein Auftrag ist Unipreneurship: Gründungsgeist soll an jeder Mitgliedshochschule so selbstverständlich sein wie Lehre und Forschung. Das ECN macht Gründen an Hochschulen sichtbar, vernetzt und zugänglich.